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Mohn auf weißem Laken - Teil I



i am the hero of the story & i don’t need to be safed


Als junges Mädchen hatte sich die Delacrox nachmittags immer gerne auf dem Dachboden versteckt, wo sie geduldig den Mohnblumen der Mutter, die Köpfchen abgerissen und von einem Leben geträumt hatte, dass das ihrige bei Weitem überstieg.

Nachts lauschte sie immer gerne dem Regen, der wie Plastikperlen gegen die großen Fenster ihres Schlafzimmer prasselte.

Morgens. Morgens wurde Weena prinzipiell nur langsam wach und starrte in den leeren Raum. Oft lag über ihrer Netzhaut ein noch milchiger Film, der ihre Umwelt weich zeichnete und ein klares Weltbild nicht zuließ.

Sie lag da und versucht sich zu erinnern, was sie am Tag zuvor getan hatte. Still schweigend ließ sie die vergangenen Stunden, Tage und Wochen noch einmal gedanklich - vor ihrem geistigen Auge - Revue passieren, nur, um sich an die unangenehmen Dinge , die Probleme - hauptsächlich solche, die sie sich selbst konstruiert hatte - zu erinnern. Bei dem Gedanken an unfreundliche aber vor allem nervtötende Mitschüler, zwischenmenschliche Beziehungen und Existenzängste entfuhr der Blonden ein Seufzer, der irgendwo tief in ihrem Inneren entsprungen war und sie kicherte in sich hinein, sowie sie erkannte, dass sie sich in Selbstmitleid suhlte. Es war früh am Morgen. Der Morgen dämmerte leise und tauchte den Schlafsaal in ein warmes blassrosa Licht. Nachdem Aufstehen enthüllte das Spiegelbild der Französin eine lang währende Erschöpfung, die sich als ein bläulicher Schimmer auf ihren hohen und zum Teil hohlen Wangenknochen zu Erkennen gab.

Nachdem Weena alle Rituale, die zu einem traditionellen Beginn des Tages gehören, ausgeübt hatte und das Höchstmaß an Körper und Geist wieder hergestellt war, streifte die junge Blonde ihr Pyjama vom Körper und schlüpfte in ein unauffälliges, nebelgraues Dress, ehe sie aus den Schlafsaal und auch dem Gemeinschaftsraum der Schlangenschüler trat.
Ein kurzer Blick aus einen der vielen Fenster des Schlosses reichte schon, um zu wissen, dass es ein bitterkalter und sehr nebliger Morgen war, dennoch stickten Amseln eine gesangliche Arabeske auf das schrille, vielstimmige Gezwitscher der Sperlinge, als stünde der Frühling vor der Tür. Die Ländereien des Internats waren nicht mehr sichtbar. Alles war eingehüllt in ein milchig weißes Gewand aus Wassertröpfchen. Ein Gewand, dass jeden, der vor die Tür trat, keine fünf Meter weit sehen lies und somit nicht nur hinter jeder Ecke eine Überraschung lauern konnte. Die Delacrox hatte ihren Blick weiterhin starr aus dem Fenster gerichtet. Die Augen zu einem Strich zusammengekniffen, um vielleicht doch noch mehr zu sehen, als in Wahrheit zu sehen war? Vielleicht würde sich der Nebel lichten? Während Weena prüfend weiter versuchte mit ihren Blick den Nebelschleier zu lichten, band sie mit ihren Haarband das helle blonde Haar zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen und befreite ihr Gesicht von jeder Strähne, die es wagte sich aus diesen Haargeflecht zu lösen, um ihr die Sicht zu rauben. Ihr Spiegelbild - welches Ähnlichkeit vermissen ließ - prüfte sie in einem leicht verstaubten Spiegel, der irgendwo im nirgendwo von Hogwarts hing, und bei ihrer Rückkehr wahrscheinlich nicht mehr an Ort und Stelle sein würde. Sie war früher aufgestanden um ihre Ruhe zu haben und um alleine zu sein; und, um in die Eulerei zu gehen. Mehr aus Intuition als aus Pflichtbewusstsein, der lieben Familie in Frankreich einen Brief zu schreiben und diese über das Wohlbefinden ihrer Tochter zu informieren. Das hielt Weena für nicht notwendig. Im Gegenteil.
Wie immer ging sie ihren Gedanken nach, als sie durch eine Tür ins Freie trat. Die frische Morgenluft entpuppte sich als ein bisschen sehr frisch ferner erfüllte sie ihre Lungen mit einer beißenden Kälte, und Weena war keine Minute draußen, da fröstelte es sie. Doch sie würde lügen, wenn sie sagen würde, es wäre ein Versehen gewesen, denn auf diesem Weg fühlte sie sich lebendig. Der Spaziergang am Morgen gehörte eben zu den morgendlichen Ritualen der Delacrox, wie die Tasse Kaffee für jeden anderen.

Unzähligen Gedanken nachgehend stieg die Slytherinschülerin die unzähligen Treppen zur Eulerei hoch, langsam aus der Puste kommend und erleichtert, als sie endlich durch die morsche Tür in den hohen Turm trat, indem es von lauter Eulen nur so wimmelte. Mit dem Betreten des Turmes verstummten die Tiere für einen kurzen Augenblick, doch schon bald drangen wieder die vertrauten Laute in Weenas Ohr und instinktiv hob sie beim weiteren Eindringen in den kreisrunden Bau ihren Kopf und suchte die Deckenbalken nach ihrem Haustier, Seth, ab. Unter all den Schuleulen mit dem hässlich zerrupften Gefieder sollte der Sakerfalke, den die schöne Blonde von einen arabischen Fürsten bekommen hatte, doch leicht zu finden sein. Doch sie fand ihn nicht und langsam begann ihr Nacken zu schmerzen. So senkte Weena ihren Kopf wieder wobei der Blick der gläsernen Augen wieder aus dem offenen Fenster glitt und an einem großen Punkt am Horizont hängen blieb, der so gleich mit einem Kreischen, wie es für Falken üblich war, durch das Fenster flog.
Geschmeidig drehte der Greifvogel eine Runde über dem Kopf seiner Besitzerin, während diese ihn mit einem auffallend interessierten Blick beobachtete, denn an seinen Füßchen war eine Nachricht für sie angebracht. Neugierde steig in ihr auf und gleichzeitig überschwemmte sie wieder ein ausnehmendes Gefühl. Reflexartig schlang Weena die Arme um ihren Torso, beinahe so, als würde sie sich vor Schmerzen krümmen. Vielleicht war es nur die Aufregung vor dem ersten Schultag, versuchte sie sich einzureden. Doch normalerweise machte sich die Schlange nichts aus solchen Dingen. Normalerweise.
Irgendwann setzte der Greifvogel zum Landen an und streckte der Blonden sein Füßchen entgegen, damit sie ihm von der kleinen Last befreien konnte. Ihre Fingerspitzen erkannten das dünne Papier einer Zeitung. Fein säuberlich war ein Ausschnitt aus einer französischen Zeitung - sie erkannte es an den Lettern - zusammengefaltet. Hastig wurde er entfaltet und glatt gestrichen. Das Bild, welches zum Artikel gehörte versetzte die Französin in unsagbares Erstaunen. Sie erkannte die markanten und fein geschliffenen Gesichtszüge ihrer Eltern sofort. Dann stach der Delacrox ein einziges Wort so deutlich aus dem Artikel ins Auge, wie ein Messer, dass ein Mörder brutal in sein Opfer rammt. “… untergetaucht” Fragezeichen. Es war beinahe ein Schrei des Entsetzens und die Französin hielt nun mit einer Hand den Artikel und die andere - theatralisch - an ihre sich hastig auf und ab hebende Brust.
Viel zu nervös und viel zu hektisch überflog die ansonsten kühne und absolut sichere Schöne den Text. Einmal. Zweimal und wahrscheinlich noch ein dutzend weitere Male. Doch sie wurde aus dem Geschriebenen einfach nicht schlau. Unbewusst machte sie einige Schritte zurück, bis sie eine kalte Steinwand am Rücken spürte. Ihre Knie zitterten und der Papierschnippsel in ihrer Hand gewährte ihr keinerlei Halt. Weena lies sich an der Wand runter gleiten, bis sie sich am Boden wieder fand, von dem sie sicher war, man hätte ihn ihr so eben unter den Füßen hinweg gezogen. Den Zeitungsartikel legte sie behutsam auf ihre Knie. Raufte sich dabei aber weniger behutsam mit beiden Händen die Haare und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Rieb sich die Augen und schaute sich unglaubwürdig um. Ein Lachen drang aus ihrer heißeren Kehle, was aber eher verzweifelt, als amüsiert klang. Es war eine Situation von der man nicht wusste, was sie von einen erwartet, da man nicht verstand.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich das Mädchen einigermaßen wieder beruhigt hatte, jedenfalls hatte sie sich das eingeredet. Denn ihren ganzen schlanken Körper spürte sie zittern und beben. Sie fühlte sich, als hätte sie hohes Fieber. Zittrig und machtlos. Sie fasste sich mit ihren kühlen Handflächen ans Gesicht, das vor Aufregung glühte und bemerkte, dass ihre Gesichtszüge entgleist waren, wie ein Hochgeschwindigkeitszug. Da sie selbst grundsätzlich starr wie eine Statue dreinblickte, völlig Anteilnahmslos, erinnerte dieses Gesicht - welches im Moment vor Gefühlen nur so sprühte - höchstwahrscheinlich an einen Schlaganfallpatienten. Sie müsste den Artikel noch ein weiteres Mal lesen. Von Anfang bis Ende. Vielleicht würde sie verstehen. Doch auch nach dem sie ihn ein weiteres Mal gelesen hatte, verstand sie nicht und sie merkte, wie ein kleiner Teil ihres Weltbildes zu bröckeln begann. Warum waren ihre Eltern untergetaucht. Hatten sie nicht erst noch vor zwei Wochen mit ihm, dem Dunklen Lord, gesprochen? Ihm ihre eigene und auch die Treue der Familie Delacrox zugesichert? Und jetzt sollen sie geflohen sein? Jetzt sollen sie sich verstecken? Vor Ihm? Ungläubig schüttelte sie den Kopf und stellte sich unwillkürlich die Frage: “Was passiert mit mir?” Voldemort würde doch sicher nach ihren Eltern fahnden. Und nach ihr? Würde er seine Handlanger auch nach ihr suchen lassen? Würde er sie zu sich holen und sie nach dem Aufenthaltsort ihrer Eltern ausfragen? Wobei ausfragen wohl noch milde ausgedrückt war. Warum hatten ihre Eltern sie nicht mitgenommen? Das Mädchen aus dem Haus der Schlange hatte in diesem Moment mehr Angst um sich selber, als um ihre verhassten Eltern und ihr kam erst gar nicht der Gedanke, sich nach dem Befinden der Eltern zu erkundigen oder einen Gedanken daran zu verschwenden. Im Moment, drehte sich alles nur um sie selber. Oder war die eigentliche Frage, die sie sich stellen musste in Wahrheit die, warum versteckten sich ihre Eltern überhaupt vor Voldemort. Hatten sie eingesehen, dass vielleicht doch nicht alles mit rechten Dingen von statten ging und ihre Einstellung letztendlich falsch war? Alles wofür sie gearbeitet hatten sollte falsch sein? Und zum ersten Mal konfrontierte Weena Delacrox, der französische Schwarzmagiername schlechthin, sich mit der Frage: War das, woran sie geglaubt hatte, korrekt?

Jetzt machen sich Gefühle zum Sprung bereit. Jetzt will es dich. Lauf schnell weg, noch bleibt etwas Zeit. Trotz ihrer selbstsicheren Reglosigkeit verlor sie nach und nach ihre Gelassenheit. Mit einer Hand spielte sie mit einem kleinen, sehr dezenten silbernen Anhängern, der um ihren Hals baumelte.

Und über Nacht drang die Angst in die Geschichte der Weena Delacrox ein.
21.1.10 22:52