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miss delacrox & mister dragmire

I WISH YOU COULD SEE THE WORLD THROUGH MY EYES

FEAR, NOUN - a painful emotion excited by danger; apprehension of danger or pain;
alarm; solicitude, anxiety; that which causes alarm; risk or possibility;

reverence or awe.


Er rechnete fest damit. Er rechnete fest damit, irgendein Anzeichen ihrer finsteren Zugehörigkeit auf dem blassen Unterarm zu erkennen, wenn er denn nur den einen Schritt wagen würde. Links oder Rechts, davon hatte er keine Ahnung, aber es musste da sein. Es ging ihm nicht gut. Er fühlte sich elend, so nah bei ihr zu stehen – denn je mehr sich die Distanz verringerte, desto … desto eher fürchtete er sich davor, in ihrem Netz gefangen zu gehen. Sie wirkte nicht bedrohlich, keinesfalls. Aber da war etwas, und dieses Etwas gefiel ihm nicht sonderlich gut, weil er kaum fähig war, es einzuschätzen. Bekannt als berechnend, informiert und reaktionsschnell, spürte Demian, wie ihm langsam und qualvoll die Kontrolle entglitt. Was war es, das ihn so verunsicherte? Ihre Worte? Ihre Selbstsicherheit? Er war kein Feigling. Wie einfach es war, sich diesen Satz mental zu zuwispern wie man sonst nur dem ärgsten Feind Todesandrohungen ins Gesicht zischt. Beherrsch dich, sieh einfach nach, vergewissere dich – und doch ging es nicht. Die Bedenken, die sie in seinem Zögern lesen konnte, tänzelten spöttisch in seinem Kopf herum, vernichteten jeden einzelnen, logischen Sinnesgang. Ah, ja – wo war sie hin, die Logik? Die Präzision? Die … die Vernunft? Nein, es ging ihm wahrlich nicht gut. Und aus welchem Grund er sich so mitreißen lies, vermochte er letzten Endes nicht zu sagen. Sie und er, sie kannten sich nicht. Zwei völlig Fremde. Aus welchem Grund hatte er vor, das Ganze persönlicher zu gestalten? Nur, um sicherzugehen, dass sie nicht zu jenen gehörte, die seiner Art nach dem Leben trachteten? Was war schon die Gewissheit um diese eine Person? Was würde sie ihm nützten? Gar nichts.

Ihre Anspannung entging ihm nicht – nahm sie die seine wahr? Sein Gesicht blieb hart, unnachgiebig, und dennoch existierte da dieses finstere Schimmern der Sorge. In der Tat, was nützte es ihm, Weenas Geheimnis zu entlüften? Innerlich strafte er sich selbst für seine Torheit. Hätte er sie nicht einfach in Ruhe lassen können? Hätte er nicht einfach strikt in den Laden gehen, und um Reparatur des Erinnermichs bitten können? Hätte sie für ihn nicht einfach Mademoiselle Delacrox sein, ihre Zugehörigkeit ignorieren können? Er wollte nicht, dass sie ihn ab diesem Zeitpunkt als den Jungen in Erinnerung behielt, der so erpicht darauf war, ihr die finstersten Geschichten zu entlocken. Es dürfte keine großen Folgen mit sich führen – denn wer war er schon im Gegensatz zu ihr? Das allerdings änderte nichts daran, sie aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ganz und gar nicht war es in seinem Interesse, dieser kühlen Schönheit auf den Korridoren zu begegnen und um die Abneigung zu wissen, die sie ihm entgegenbringen würde. So wie jetzt. Ihre Rage umspülte ihn wie die unruhigen Wellen an der Küste die unförmigen Felsen umgaben. Die Wut, die sie empfand, hätte sie nicht deutlicher zum Ausdruck bringen können als durch ihre eiskalten Augen. Ein frostiges Feuer, fern von jeder Wärme und doch die Hitze kennend – nur auf eine viel kältere Art. Sie ließ ihn daran teilhaben, zwang ihn dazu und unter dem Zorn in ihrem Blick fühlte er, wie sich seine Muskeln anspannten. Wer war er, dass er sich von ihr unterkriegen lassen würde? Nur, weil er zögerte, sich zu vergewissern … hieß das gleich, dass er sich vor ihr und den Folgen fürchtete? Der Grat zwischen beiden Seiten schien schmaler zu werden.

Sie stieß auf keinen Widerstand, als sie den Arm ein wenig anwinkelte. Nein, er gab ohne eine Sekunde zu überlegen nach. Ihr Gesicht war dem seinem zu nah, viel zu nah, doch er unterband das Gefühl des Unbehagens. Die unnahbare Prinzessin ließ ihre Maske splittern und wenn sie sich bereits soweit befand, lag es an ihm selbst, sie ein wenig weiter in die Enge zu treiben oder gar sich nicht wahnsinnig zu lassen. Aber ihre Worte … wie konnte es ihm gelingen, der leisen Provokation zu entgehen? Überhaupt nicht. Seine Brauen zogen sich zusammen. Angst? Er? Oh, sie konnte nicht ahnen, was für eine Angst er empfand. Nicht vor ihr – noch immer nicht. Nur vor dem, was hinter ihrem gebrechlichen Rücken lauerte. Arrogante Gesichter mit so hasserfüllten Mienen, dass sie kaum noch menschlich erscheinen. Erhobene Zauberstäbe, an der Spitze grünes Licht gesponnen, jedem Befehl des dunklen Lords gehorchend. Er musste sich entfernen. Jetzt. Irgendwie. Bloß wie entkam man diesem intensiven, überreizten Ausdruck in den unterkühlten Augen? Es lag nicht in seinem Sinne, sich nun wegen dieser einen Begegnung auf dünnes Eis zu begeben. Letzten Endes brauchte es nur ein, zwei unvorsichtige Schritte und die Schicht würde brechen. Was darunter lauerte, wollte er sich nicht vorstellen.

„Wag es nicht, mich auch nur andeutungsweise als naiven Feigling zu betiteln“, entgegnete er schließlich mit einer leisen Stimme, noch weniger als ein Wispern und erfüllt von genug Verbitterung, um ihr seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Seine Lippen bewegten sich kaum, da war nur der direkte, finstere Blick, der ihr all diese Dinge erzählte, die er nicht auszusprechen wagte und die keinen Sinn ergaben. Denn was hatte er in ihrer Welt zu suchen? Gar nichts. Er sollte sie nicht einmal mit der Fingerspitze berühren, geschweige denn mit der gesamten Hand. Sein Griff lockerte sich, der Druck ließ nach, seine Finger schlängelten wieder hinab bis zu ihrem Handgelenk. Rückzug? Rückzug … war das nicht die einzige Rettung, die sich ihm bot, um diese Farce nicht zu einer Misere zu gestalten? Beruhige dich, flüsterte er sich selbst zu und das Gewicht des sonst so leichten Zauberstabs wiegte ungeheuer schwer in der Innenseite seiner Jacke. Wieso projizierte er seinen Hass zur engstirnigen Reinblütigkeit und seine Furcht vor der endgültigen Separation auf dieses eine einzige Mädchen? Sie tat besser daran, ihn nicht herauszufordern, das war gerade alles, was er wusste. Und dennoch –„Lasse Deinen Worten Taten folgen, Demian.”

Kein bessere Vorlage hätte sie ihm liefern, kein bittersüßer Tonfall hätte den Geduldsfaden spannen und zerreißen können. Ihre Nähe umschmeichelte ihn wie kostbarer Kaschmir einem das Gefühl verleiht, ihn des Tragens nicht wert zu sein. Ehe es ihm gelang, sich zur Ruhe zu rufen und nicht seine Abscheu gegen die Reinblut-Ideologie weiterhin auf sie zu projizieren, ging er ihr in die Falle. Vergessen war die Vorsicht, untergraben die Angst vor der Ungewissheit. Erneut umgriff er ihren Unterarm, intensiv genug dieses Mal, um mit dem Druck, den die Spitzen der schmalen Finger ausübten, die trockenen Blessuren zu öffnen. Ohne überhaupt um sie zu wissen. Er erahnte das dunkle Mal dort an jener Stelle, an der sich nicht mehr als die Wunden befanden. Wunden, die ihr ein einfaches Tier zugefügt hatte, dem kein Angriff im Sinn herumgegangen war – nur der Gedanke, die Klauen bis in das verletzliche Fleisch zu schlagen, um dem Fall zu entgehen. Ebenso, wie es nun Demian tat. Ein Greifvogel bleibt ein Greifvogel – selbst wenn nach der letzten, aus der Haut gezerrten Feder nur noch das reine Skelett übrig bleibt. Ohne Schale, ohne Schutz. Schlicht und ergreifend so nackt, wie er sich nun ihr gegenüber fühlte, wenn man seine Gefühlswelt hineinzog. Wieso ließ er sich so gehen? Wo war die Kontrolle hin? Da war kaum noch etwas übrig. Zerfressen wie ein eingefallener Kadaver von seiner eigenen Rage.

„Oh, Weena, ich schwöre dir bei Gott, du wirst noch genug Taten zu sehen bekommen. Du wirst deine Erinnerung an mich vergessen, denn sollte ich dich nur einmal entdecken, wie in der finstersten Ecke kauerst und Flüche wisperst, zeige ich dir meine dunkle Seite. Und du wirst sie verachten, lass dir das gesagt sein.“ Nicht mehr als ein düsteres Zischen. Ihre Selbstsicherheit verärgerte ihn, ihre Worte zuvor hatten ihr Ziel nicht verfehlt. Wer war sie, dass sie das Recht hatte, so über ihn zu richten? „Versuch gar nicht erst, mein Leben von innen heraus zu vernichten, indem du dich in meinem Zuhause einnistest – ganz wie ein Parasit, der das Beste zum Absterben bringt.“ Nach diesem einen, letzten Satz, ah, er war tatsächlich so kurz davor, ihr ins Gesicht zu spucken. Er wollte nicht gereizt sein, die Wut lag ihm fern, war er doch sonst seine eiskalte Gleichgültigkeit gewohnt. Was war das für eine unangenehme Wirkung, die sie auf ihn ausübte? Eine Wirkung, durch die er sich nicht einmal bewusst wurde, während seiner fieberhaften Worte näher gerückt zu sein. Die Realität fing ihn ein, noch während er ihren warmen Atem in der Luft spürte. Wie viele Zentimeter sich genau zwischen den zwei hellen Augenpaaren befanden, vermochte er nicht zu sagen – aber es war nah, wieder viel zu nah. Für einen Moment stockte er; deutlich genug, um sie physisch einzubinden, denn der Griff um ihren Unterarm lockerte sich einmal mehr. Endgültig. Sein Blick senkte sich eine wertlose Sekunde lang, doch auch eben nur diese wertlose Sekunde, denn länger vermochte er den Augen aus Eis ihm gegenüber nicht zu entgehen. Er durfte sich nicht aufregen. Emotionen hatten nichts mit Vergewisserung zu tun. Rein gar nichts.

Ihre Hand entglitt ihm, ohne, dass er der Sache wirklich gewahr wurde. Zwei, drei Schritte wich er zurück, doch nicht um ihretwillen, sondern um sich selbst Raum zum Atmen zu verschaffen. Ein tiefer Atemzug durch die Nase folgte und die Luft wurde rasch wieder durch den leicht geöffneten Mund entlassen. Er zwang sich nicht selbst dazu – es war der Wunsch nach Information, der seinen Blick wieder an ihren Unterarm heftete, auf dem verborgen unter der Kleidung etwas lauerte, etwas, das er sich wünschte, dort zu sehen. Wieso … hatte er nicht nachgesehen? Undurchsichtig wandte Demian den Kopf zur Seite, fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Haare und schloss für einige Momente die Augen. „Warum ist deine Position in diesem Spiel so unklar? Du entfernst dich von den anderen und man zerreißt sich das Maul über dich – könntest du es mir leichter machen, dich als Widersacherin anzusehen?“ Ein leiser Monolog, bestehend aus drei mutlosen Sätzen. Es erschien unmöglich, ihre Gesinnung zu erfahren, herauszufinden, ohne, sie wirklich zu kennen. Momentan war da kein Schwarz und Weiß mehr. Das Leben bestand aus Graustufen, etwas anderes hatte ihn diese kleine Torheit soeben nicht gelehrt. Wieder schlug er die Augenlider auf, das vereinsamte Sträußchen Vergissmeinnicht im Blickfeld. Zarte Falten suchten seine Stirn heim.

Was war ihm nun geblieben? Unergründete Abneigung und kein Stück Gewissheit.
19.1.10 23:02