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BIS AN DAS ENDE DER ZEIT - TEIL I


ihre eiskalte hand
und ihr gläserner blick
rauben dir den verstand
sind ein schlag ins genick


Die Luft roch nach altem Holz. Nach altem und nassen, modernden Holz, welches mit jedem Windstoß scheinbar mehr und mehr nachgab und bedrohlich knirschte. Die blonde Hexe wollte nicht wissen, wie alt einige der hier stehenden Häuser bereits waren. Nicht, dass sie für Geschichte kein Interesse aufbringen konnte, ganz im Gegenteil. Aber diese morschen, von Moos bewachsenen alten Häuser konnten schlicht und einfach nicht das Interesse einer Delacrox wecken, dazu brauchte es wesentlich mehr als ein kleines, altes Zauberdorf irgendwo in England. Nicht einmal die sagenumwobene ‘Heulende Hütte’, die als das am meisten heimgesuchte Haus ganz Englands galt, konnte die blonde Schlange nicht im geringsten reizen. Vielleicht ein bisschen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wer wusste das schon? Das einzige, was Weena vielleicht interessierte war der Grund, warum selbst die Schlossgeister von Hogwarts einen Bogen um diese Hütte machten. War an den Spukgeschichten doch mehr dran als die Französin glauben wollte? Gewiss nicht.

Dadurch, dass es in der letzte Nacht in Strömen geregnet hatte, war der unangenehme Geruch des modernden Holzes noch um einiges intensiver. Dennoch gelang es ihm äußerst geschickt sich mit den anderen - diesmal aber herrlichen Düften der restlichen Natur - zu einem gelungenen und in sich stimmigen Ganzen zu verbinden. Es war ein sehr angenehmer und erfrischender Geruch, der - wenn man es denn zuließ - die Sinne beleben konnte die, vor allem nach einem Regenerguss, da der Düfte der Natur danach immer sehr intensiv und ausgeprägt waren und beinahe sogar eine eindringliche Wirkung auf die Sinne hatten. Weena musste erkennen, dass ihr dieser Geruch vielleicht sogar doch mehr zusagte als sie sich vielleicht je selber eingestehen würde. Doch was um alles in der Welt hatte Weena Delacrox wieder hier her an diesen Ort geführt? Nicht nur die junge Hexe fragte sich das, sondern auch ein junger Zauberer, der wie aus dem Nichts neben der Mademoiselle aufgetaucht war. “Französisches Blut unter Englands Gesindel - dass Du freiwillig hier bist, muss bedeuten, dass Du Dich auf Deinem Aufenthalt hier letztes Jahr verliebt hast, oder dass Du auf der Flucht vor ein paar Leichen in Deinem Keller bist”.
Das zaghafte dennoch deutlich süffisante Lächeln, dass die schmalen, aber schön geschwungenen und geformten Lippen in diesem Augenblick umspielte, strahlte sonderbar. Vielleicht, weil es nur äußerst selten auf dem Gesicht mit den boshaften Zügen - welche bei jedem Lächeln verschwanden - zu sehen war.

Natürlich machte sich die, mit dem reinen französischen Blut gleich ihre Gedanken zu dem Gesagten. Konnte dieser scheinbar adrette Junge eigentlich eine Vorstellung haben, dass er mit seiner zweiten Aussage weitaus mehr Recht haben könnte als ihm lieb war?. Das Blut ihres eigenen Bruders klebte an den makellosen Händen der Französin, doch von fliehen konnte nicht die Rede sein. Und Liebe? Etwas wie ein abfälliges Schnauben drang durch die Kehle der jungen Frau. Abfällig. Oder war es vielleicht sehnsüchtig? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich würde das nicht einmal Weena Delacrox je selber erfahren. Das im regelmäßigen Takt schlagende Herz des Mädchens, welches das heiß lodernde Blut durch ihre Adern pumpte, war nicht im Stande zu lieben, oder vielleicht doch. Jedem Zauberer würden in dieser Hinsicht Zweifel aufkommen, wenn es um etwas wie Zuneigung und Weena Delacrox geht. Beides als verbundene Einheit? Unvorstellbar. Nicht einmal für die eigenen Eltern empfand die Erbin der Delacrox einen Funken Zuneigung, geschweige den Liebe. Jetzt sollte sie hier wegen einem Jungen sein? Wie romantisch. Aber romantisch veranlagt war auch die Slytherin definitiv nicht. Sie assoziierte diesen Begriff sofort mit Abhängigkeit, Dienst, Verpflichtungen. Das es wohlmöglich anders sein könnte, war ebenso unvorstellbar.

Weena hielt es keineswegs für angebracht sich der plötzlich aufgetauchten Person neben ihr zuzuwenden, wieso denn auch? Der Blick der klaren blauen Augen, die wie feinster Sternenstaub zu glitzern schienen, waren weiterhin stur auf das Schaufenster gerichtet, das aber lediglich einen kleinen, bescheidenen, und in manchen Augen sogar kümmerlichen Einblick in das ansonsten vielleicht großzügige Sortiment des Ladens gewährte, zu dem es gehörte. In ihrem Spiegelbild wirkte die Haut der Französin unnatürlich hell, wie Keramik das zu bersten drohte. Doch ihre Aufmerksamkeit galt schon lange nicht mehr dem ausgestellten Sortiment der staubigen Vitrine. Mittlerweile richtete die Schlange ihr Augenmerk nun auf das Spiegelbild des jungen Zauberers, der sich zu ihr gesellt hatte und sie einfach keck von der Seite angesprochen hatte. Der Delacrox war die Stimme nicht unbekannt, doch konnte sie dieser noch keinem Gesicht zu ordnen. Erst als sie das Antlitz des Jungen im Spiegelbild sah, erkannte sie dessen ausdrucksvollen Gesichtszüge - die sich im Laufe der Jahre zwar deutlich verändert hatten, aber dennoch weiterhin eine bemerkenswerte und auffallende Ausstrahlung besaßen - auf Anhieb. Vielleicht sogar im wahrsten Sinne des Wortes bemerkenswert, denn sogar die Delacrox hatte sie nicht vergessen und wieder erkannt.

“Demian Dragmire, du erinnerst dich” Beinahe schien es Weena, als würde in der beherrschten Stimme des Jungens die Frage “Hast du mich schon vergessen?” mitschwingen. Doch sie musste zugeben, er hatte sich unter Kontrolle. Ebenso Weena, die aber keinerlei Grund hatte, die Kontrolle über sich zu verlieren. Sie lernte sich in scheinbarer Geduld zu üben und gute Miene zum bösen Spiel zu zeigen, während es in ihrem Inneren kochte und brodelte, wie in einem aktiven Vulkan. Wie in Stein gemeißelt schienen ihre Gesichtszüge, hinter denen sich eine heimtückische, egoistische und rücksichtslose Hexe versteckte, die wusste, wie man geschickt agiert um das gewünschte Ziel - erfolgreich - zu erreichen. Weena Delacrox stand weiterhin seelenruhig vor der Vitrine, mit stolz erhobenen Kinn und die arme vor der Brust verschränkt. Sie hatte vielleicht keine besonders bedrohliche Ausstrahlung, dafür aber die anmutige und eindrucksvolle Haltung einer Anführerin. Stark und Sicher.
Ihre blonden Haare wallten über ihre schmalen Schultern weiß wie Maden. Ihren Blick formte sie zu einer Frage, die jedoch nie aus ihrer Kehle drang und vom erneut aufkommenden Wind stumm davongetragen wurde. Der Wind heulte auf, als würde plötzlich die Anklage über beiden hereinbrechen. Wieder das sonderbare Lächeln, das das Spiegelbild der Delacrox offenbarte und wie eine Flamme im Wind erlosch.

Mit einem weiteren heftigen Windstoß schlang die junge Slytherin ihre Arme um ihre schmalen Schultern, mehr aus Reflex, um sich scheinbar von den kühlen und beißenden Wind zu schützen, als das sie frierte. Das prickelnde Gefühl auf ihrer Haut war mehr als angenehm, was die Tatsache erklärte, dass der fliederfarbene Pullover aus groben Maschen bestand. Der Wind war beißend kalt, doch erlaubte er die junge Slytherin sich lebendig zu fühlen. “Nein. Ich erinnere mich nicht”. Das war alles was sie zu sagen hatte. Grundsätzlich war Weena nie ein Freund vieler Worte gewesen. Grundsätzlich. Dann setzte sich die Mademoiselle in Bewegung und machte einige gemächliche Schritte zur Seite. Die Stimme mit der sie gesprochen hatte war ebenso klar wie die Farbe ihrer Augen, aber sie klang deutlich weniger feindselig geschweige denn angriffslustig. Der leichte Wind nahm ihren Worten die Schärfe. Langsam schritt sie an den Jungen, der sich ihr als Demian Dragmire vorgestellt hatte, vorbei um auf der andere Seite von ihm wieder zum stillstand zu kommen. Noch immer hatte sie ihren Blick nicht von seinem, aber auch nicht von ihrem Spiegelbild abgewandt. Doch schließlich wandte auch die Französin ihr Gesicht zur Seite, was bedeutete, dass Demian ihrem Gedächtnis ruhig auf die Sprünge helfen durfte, denn wer die blonde Schlange mit so einem Scharfsinn einfach so von der Seite ansprach, war es definitiv wert wieder ins Gedächtnis gerufen zu werden, selbst wenn Weena eine vage, wenn nicht sogar äußerst klare Erinnerung an diesen Jungen hatte.
19.1.10 22:50